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8.04.2026

Vom Problem zur Lösung

Wie man den Blickwinkel verändert

Stell dir vor, du stehst vor einer verschlossenen Tür. Fragst du dich, warum die Tür verschlossen ist, wer sie verschlossen hat und welche Probleme dir das jetzt bereitet? Oder bist du eher der Typ, der nach dem Schlüssel sucht, alternative Eingänge prüft und bereits visualisiert, was hinter der Tür liegt? Diese Metapher illustriert den fundamentalen Unterschied zwischen Problem- und Lösungsorientierung. Zwei Denkweisen, die nicht nur unseren Alltag, sondern auch Coaching- und Therapie-Prozesse maßgeblich prägen. In diesem Artikel beleuchten wir beide Ansätze und untersuchen die Herangehensweisen und die Werkzeuge, um bewusst zwischen den beiden Perspektiven wählen zu können – je nachdem, was die jeweilige Situation erfordert.

Was ist Problemorientierung?

Problemorientierung bezeichnet eine Denkweise und Herangehensweise, bei der der Fokus primär auf der Identifikation, Analyse und dem Verständnis von Schwierigkeiten, Hindernissen und Defiziten liegt. Im problemorientierten Denken stehen die Fragen im Vordergrund: „Was läuft falsch?“ und „Was sind die Ursachen?“. Diese Sichtweise findet sich in verschiedenen religiösen Weltanschauungen, etwa in der christlichen Lehr der Erbsünde oder im Konzept des Karma, wo vergangene Handlungen als Ursache gegenwärtiger Schwierigkeiten verstanden werden. Doch auch in unserer westlichen Kultur ist diese Perspektive tief verwurzelt, insbesondere in wissenschaftlichen und analytischen Traditionen.

Die Grundannahme der Problemorientierung ist, dass ein tiefes Verständnis der Ursachen, Mechanismen und Zusammenhänge eines Problems die notwendige Voraussetzung für dessen Lösung darstellt. Problemorientiertes Denken folgt typischerweise einem diagnostischen Prozess: Zunächst wird das Problem genau definiert und beschrieben, dann werden seine Ursachen erforscht, Zusammenhänge analysiert und schließlich, basierend auf diesem Verständnis, Lösungsstrategien entwickelt. Diese Herangehensweise ist besonders in technischen, medizinischen und wissenschaftlichen Kontexten verbreitet, wo eine präzise Problemdiagnose tatsächlich oft der Schlüssel zur Lösung ist.

Was ist Lösungsorientierung?

Lösungsorientierung stellt einen Gegenentwurf zur Problemorientierung dar. Dieser Ansatz, der maßgeblich durch die Arbeiten von Steve de Shazer und Insoo Kim Berg in den 1980er Jahren geprägt wurde, fokussiert sich nicht auf Probleme und deren Ursachen, sondern auf Lösungen, Ressourcen und gewünschte Zukünfte. Die zentrale Frage lautet nicht „Was läuft falsch?“, sondern „Was soll anders sein?“, „Was funktioniert bereits?“ und „Was ist der erste kleine Schritt?“

Die Grundannahme der Lösungsorientierung ist radikal: Ein tiefes Verständnis des Problems ist nicht notwendig, um eine Lösung zu finden. Stattdessen wird davon ausgegangen, dass Menschen bereits über die Ressourcen, Fähigkeiten und Erfahrungen verfügen, die sie zur Bewältigung ihrer Herausforderungen benötigen. Die Aufgabe besteht darin, diese Ressourcen zu aktivieren und sichtbar zu machen. Lösungsorientierung richtet den Blick konsequent auf das, was funktioniert, auf Ausnahmen vom Problem, auf frühere Erfolge und auf die gewünschte Zukunft.

Ein weiteres Kernprinzip der Lösungsorientierung ist die Annahme, dass kleine Veränderungen große Wirkungen haben können. Anstatt das gesamte Problem in all seiner Komplexität lösen zu wollen, konzentriert sich dieser Ansatz auf kleine, konkrete Schritte in die richtige Richtung. Diese Philosophie der „Small Steps“ macht Veränderung handhabbarer und weniger überwältigend.

Problem- oder Lösungsorientierung: Was ist besser?

Viele verstehen Lösungsorientierung als das Zauberwort. Doch erst einmal sollten wir verstehen, dass beide Perspektiven unterschiedliche psychologische Zustände aktivieren und das hat Folgen. Sowohl Problem- als auch Lösungsorientierung haben ihre Berechtigung. Die Kunst besteht darin, flexibel zwischen beiden Perspektiven wechseln zu können und die Herangehensweise an die spezifische Situation, die Person und den Kontext anzupassen.

Wofür ist Problemorientierung gut?

Problemorientierung ermöglicht es uns, Muster zu erkennen, Risiken zu identifizieren und aus Fehlern zu lernen. Sie ermöglicht ein tiefes, systematisches Verständnis komplexer Zusammenhänge. Eine gründliche Problemanalyse kann verhindern, dass Symptome behandelt werden, während die eigentlichen Ursachen unberührt bleiben. In komplexen Systemen, sei es in Organisationen, in der Umweltpolitik oder in sozialen Zusammenhängen, ist eine gründliche Problemanalyse oft hilfreich, um unbeabsichtigte Nebenwirkungen von Interventionen zu vermeiden.

Problemorientierung fördert kritisches Denken und Sorgfalt. Dies kann besonders wichtig sein, wenn die Konsequenzen von Fehlentscheidungen gravierend sind. Sollten Fehler passieren, hilft Problemorientierung uns, aus den Fehlern zu lernen. Durch die Analyse dessen, was schiefgelaufen ist, können wir Muster erkennen und zukünftige Fehler vermeiden.

Darüber hinaus kann problemorientiertes Denken auch eine validierende Funktion haben. Wenn Menschen mit Schwierigkeiten kämpfen, kann es wichtig sein, dass ihre Probleme ernst genommen, anerkannt und verstanden werden. Eine zu schnelle Wendung zur Lösungsorientierung kann manchmal als Bagatellisierung oder mangelndes Einfühlungsvermögen wahrgenommen werden.

Wofür ist Lösungsorientierung gut?

Lösungsorientierung hilft uns, in einen guten Zustand zu kommen, den wir brauchen, um Lösungen zu finden und umzusetzen. Positive Emotionen erweitern unser Denk- und Handlungsrepertoire und fördern Kreativität und Problemlösefähigkeit1. Außerdem steigert eine lösungsorientierte Perspektive die Selbstwirksamkeit2. Lösungsorientierte Fragen helfen Menschen, ihre eigenen Ressourcen, Fähigkeiten und früheren Erfolge zu erkennen. Dies stärkt das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, Herausforderungen zu bewältigen.

Lösungsorientiertes Denken richtet den Fokus auf Ressourcen, Möglichkeiten und Handlung. Damit trägt Lösungsorientierung dazu bei, dass Menschen mehr konkrete Handlungsschritte für ihr Ziel entwickeln, eine höhere Zielorientierung haben3 und ihr Ziel schneller und mit größerer Wahrscheinlichkeit erreichen4.

Die Bedeutung der Lösungsorientierung liegt auch in ihrer Effizienz. In einer Zeit, in der Ressourcen, sei es Zeit, Geld oder Energie, oft begrenzt sind, bietet dieser Ansatz einen Weg, schneller zu positiven Veränderungen zu gelangen. Bereits eine lösungsorientierte Selbstcoaching-Übung hatte nicht nur unmittelbare positive Effekte, sondern führte auch nachhaltig zu zielorientierten Handlungen in den folgenden Wochen3.

Die Frage macht den Unterschied

Vielleicht fragst du dich jetzt, wie du bei dir oder anderen die problem- oder lösungsorientierte Perspektive aktivieren kannst. Eine einfache, aber extrem wirksame Geheimwaffe sind Fragen. Fragen sind nicht einfach neutrale Werkzeuge, um Informationen zu sammeln. Fagen lenken unsere Aufmerksamkeit, sie  erzeugen einen psychischen Zustand und dieser Zustand beeinflusst, was als nächstes möglich wird.

Problemorientiertes Denken wird durch folgende Fragen verstärkt:

  • Was genau ist das Problem?
  • Seit wann besteht das Problem?
  • Was sind die Ursachen?
  • Wer oder was trägt zu diesem Problem bei?
  • Was hast du bereits versucht, und warum hat es nicht funktioniert?

Zu den klassischen lösungsorientierten Fragen gehören:

  • Woran würdest du merken, dass sich die Situation verbessert hat?
  • Was funktioniert bereits, wenn auch nur ein bisschen?
  • Wann tritt das Problem nicht auf oder ist weniger ausgeprägt?
  • Was wäre anders, wenn das Problem gelöst wäre?
  • Welche Fähigkeiten und Ressourcen hast du, die dir bei der Bewältigung helfen könnten?

Eine der bekanntesten lösungsorientierten Interventionen ist die Wunderfrage: „Angenommen, über Nacht geschieht ein Wunder, und dein Problem ist gelöst. Du weißt davon nichts, weil du schläfst. Woran würdest du am nächsten Morgen merken, dass dieses Wunder geschehen ist? Was wäre anders?“ Diese Frage lädt dazu ein, die gewünschte Zukunft detailliert zu visualisieren, ohne sich in der Problemanalyse zu verlieren.

Achte also in der nächsten Zeit einmal darauf, wie du mit dir selbst über Probleme redest und welche Fragen du anderen stellst – oder probiere es direkt selber aus.

Praxisübung: Lösungsorientiertes Selbstcoaching

Theorie ist gut, Erleben ist besser. Die folgende Schreibübung basiert auf Studien3,4, die zeigen, dass bereits eine einzige lösungsorientierte Selbstcoaching-Übung nicht nur unmittelbar positive Emotionen und Selbstwirksamkeit steigert, sondern auch in den darauffolgenden Wochen zu mehr Motivation führt, das Problem anzugehen sowie eine konkrete Aktionsplanung, das tatsächliche Problemlöseverhalten und den Zielfortschritt fördert.

Nimm dir 10–15 Minuten, Stift und Papier und denke an ein aktuelles Problem oder eine Herausforderung, die dich frustriert und die du gerne lösen würdest. Beantworte zunächst in wenigen Sätzen: Was ist dein Problem oder deine Herausforderung, das du in dieser Übung angehen möchtest?

Dann kommt der entscheidende Schritt: Denk an eine Situation in der Vergangenheit, in der du auf ein ähnliches Problem gestoßen bist und es (fast) lösen konntest. Wenn dir kein ähnliches Problem einfällt, das du lösen konntest, kannst du auch die Wunderfrage nutzen. Bevor du die folgenden Fragen beantwortest, stell dir vor, du gehst heute Abend nach Hause und schläfst ein. In der Nacht geschieht jedoch ein Wunder. Du hast keine Ahnung, wie, aber als du am nächsten Tag aufwachst, stellst du fest, dass dein Problem an diesem Tag nicht mehr oder kaum noch vorhanden ist.

Schreibe zu dieser Situation, in der das Problem (fast) gelöst oder verschwunden war:

  • Was fällt dir als Erstes auf, wenn du an diesen Moment zurückdenkst?
  • Wie hast du dich verhalten?
  • Welche Gedanken hattest du in dieser Situation?
  • Wie hast du dich gefühlt?
  • Woran haben andere gemerkt, dass das Problem nicht mehr vorhanden war?

Was du dabei erlebst, ist kein Zufall: Lösungsorientierte Fragen aktivieren positive Emotionen, machen Ressourcen sichtbar, die du längst in dir trägst, und setzen genau den Kreislauf in Gang, den du weiter oben kennengelernt hast.

Problem- & Lösungsorientierung in Coaching & Therapie

Für Coaches und Therapeuten ist die Wahl der Perspektive keine abstrakte Frage. Sie gestaltet das Gespräch von der ersten Minute an. Lösungsorientierung ist dabei eine Haltung, die das gesamte Setting durchzieht, die Sprache, die Fragen, den Raum, den man Klienten gibt. Und der Einfluss dieser Haltung beginnt früher, als viele denken. Bereits ein lösungsorientiertes Aufnahmeformular führte im Vergleich zu einem standardmäßigen Aufnahmeformular zur Beschreibung von mehr Lösungen statt Problemen5. Die bloße Sprache des Formulars veränderte also den Zustand der Klienten noch bevor die erste Sitzung stattfand. Gesteigert werden konnte dieser Effekt noch durch ein lösungsfokussiertes vs. diagnostisches Aufnahmegespräch. Selbst ohne eine richtige Sitzung ging es den Klienten danach besser.

Vergleicht man problem- und lösungsorientierte Coachingansätze und die Kombination aus beiden, zeigt sich ein überraschendes Ergebnis. Der kombinierte Ansatz war weniger effektiv als ein rein lösungsorientierter6. Bei komplexen, menschlichen Herausforderungen, wo es keine eindeutigen, linearen Ursache-Wirkungs-Beziehungen gibt, scheint die Lösungsorientierung oft effektiver zu sein. Speziell bei Menschen mit dysfunktionalen Denkmustern führten problemorientierte Fragen zu mehr negativen Emotionen, lösungsorientierte nicht.

Warum Lösungsorientierung so gut funktioniert, erklärt die Broaden-and-Build-Theorie nach Fredrickson. Positive Emotionen machen unser Denken offener und erweitern unseren Handlungsspielraum. Wer sich gut fühlt, denkt kreativer, erkennt mehr Optionen, handelt flexibler. Lösungsorientierte Fragen erzeugen genau diese positiven Emotionen, und stärken dadurch Selbstwirksamkeit, Handlungsplanung und Problemlösefähigkeit. Das wiederum führt zu positiven Erfahrungen und ein sich selbst verstärkender Kreislauf entsteht7. Doch es gibt einen Haken: Positive Emotionen allein reichen nicht aus. Wenn man Menschen nur in eine gute Stimmung versetzt, ohne lösungsorientierte Fragen, verbessern sich die Ziel- und Handlungsorientierung nicht. Gutes Fühlen ersetzt nicht gutes Denken.

Problem- vs. Lösungsorientierung: Die richtige Balance finden

Die Art und Weise, wie wir über Herausforderungen denken und sprechen, ist keineswegs neutral, sondern hat messbare, signifikante Auswirkungen auf unsere Emotionen, unsere Selbstwirksamkeit und unsere Fähigkeit, Ziele zu erreichen. Diese Effekte sind nicht trivial – sie können den Unterschied ausmachen zwischen Stagnation und Fortschritt, zwischen Resignation und Hoffnung, zwischen Passivität und aktivem Handeln.

Problemorientiertes Denken fragt: Was ist falsch?, Warum ist es falsch?. Die Energie richtet sich rückwärts auf Ursachen, Defizite und Erklärungen. Problemorientiertes Denken ist nicht per se schlecht. Manchmal müssen wir Probleme besser verstehen, um sie lösen zu können.

Lösungsorientiertes Denken fragt: Was funktioniert bereits? Was wäre der erste kleine Schritt vorwärts? Was will ich stattdessen? Die Energie richtet sich auf Ressourcen, Möglichkeiten und Handlung. Lösungsorientierung hilft uns, positive Emotionen zu aktivieren, Ziele zu erreichen und Lösungsmöglichkeiten zu finden.

Die Kunst besteht darin, flexibel zwischen beiden Perspektiven wechseln zu können und die Herangehensweise bewusst zu wählen, anstatt automatisch in gewohnte Denkmuster zu verfallen. Es geht darum, die eigene Sprache zu beobachten, bewusst lösungsorientierte Fragen zu stellen und eine Haltung zu entwickeln, die Menschen als ressourcenvoll und fähig betrachtet. Die Reise von der Problem- zur Lösungsorientierung ist eine Veränderung der Perspektive, eine neue Art, die Welt zu sehen. Sie lädt uns ein, nicht nur in unserem professionellen Handeln, sondern auch in unserem persönlichen Leben mehr auf das zu schauen, was möglich ist, anstatt auf das, was fehlt. Genau auf diese Reise nehmen wir dich in unserer NLP-Practitioner-Ausbildung mit. In einer Welt, die oft von Problemen überwältigt scheint, könnte diese Perspektivenänderung nicht nur individuell, sondern auch kollektiv transformativ sein.

 

Quellen:

  1. Fredrickson, B. L. (2001). The role of positive emotions in positive psychology: The broaden-and-build theory of positive emotions. American Psychologist, 56(3), 218.
  2. Grant, A. M. (2012). Making positive change: A randomized study comparing solution-focused vs. problem-focused coaching questions. Journal of Systemic Therapies, 31(2), 21-35.
  3. Solms, L., Koen, J., van Vianen, A. E., Theeboom, T., Beersma, B., de Pagter, A. P., & de Hoog, M. (2022). Simply effective? The differential effects of solution-focused and problem-focused coaching questions in a self-coaching writing exercise. Frontiers in Psychology, 13.
  4. Braunstein, K., & Grant, A. M. (2016). Approaching solutions or avoiding problems? The differential effects of approach and avoidance goals with solution-focused and problem-focused coaching questions. Coaching: An International Journal of Theory, Research and Practice, 9(2), 93-109.
  5. Richmond, C. J., Jordan, S. S., Bischof, G. H., & Sauer, E. M. (2014). Effects of solution-focused versus problem-focused intake questions on pre-treatment change. Journal of Systemic Therapies, 33(1), 33-47.
  6. Grant, A. M., & Gerrard, B. (2020). Comparing problem-focused, solution-focused and combined problem-focused/solution-focused coaching approach: Solution-focused coaching questions mitigate the negative impact of dysfunctional attitudes. Coaching: An International Journal of Theory, Research and Practice, 13(1), 61-77.
  7. Grant, A. M., & O’Connor, S. A. (2018). Broadening and building solution-focused coaching: Feeling good is not enough. Coaching: An International Journal of Theory, Research and Practice, 11(2), 165-185.

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