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18.05.2026

Weniger Problem, mehr Lösung (Teil 2)

Einführung in die Lösungsfokussierte Kurzzeittherapie (SFBT)

Lösungsorientierung klingt so einfach und ist es in der Praxis doch oft nicht. Wie oft hängen wir in negativen Gedankenspiralen fest oder grübeln darüber, warum etwas passiert ist? Dabei hilft uns lösungsorientiertes Denken nachweislich, positive Emotionen zu aktivieren, Ziele zu erreichen und Lösungsmöglichkeiten zu finden. Doch wie kommen wir in eine lösungsorientierte Haltung? Wie richten wir unseren Fokus auf Ressourcen, Möglichkeiten und Handlungsoptionen? Antworten finden wir in der Lösungsfokussierten Kurzzeittherapie.

Im ersten Teil dieser Artikelreihe hast du erfahren, was der Unterschied zwischen Problem- und Lösungsorientierung ist und wie er unser Denken, Fühlen und Handeln beeinflusst. Die Lösungsfokussierte Kurzzeittherapie (Solution Focused Brief Therapy, kurz SFBT) macht genau diesen Unterschied zum Fundament einer ganzen Therapieform. Entwickelt in den 1980er Jahren von Steve de Shazer und Insoo Kim Berg, ist SFBT kein bloßes Methodenset, sondern eine konsequente Haltung: weg vom Problem, hin zu dem, was funktioniert. Was das konkret bedeutet, welche Annahmen dahinterstecken und wie SFBT in der Praxis aussieht, darum geht es in diesem Artikel.

Obwohl SFBT als therapeutisches Verfahren entwickelt wurde, sind viele der Grundprinzipien und Werkzeuge heute genauso im Coaching zuhause. Dieser Artikel richtet sich an alle, die lösungsorientiert arbeiten oder denken wollen: ob im therapeutischen Kontext, im Coaching oder im eigenen Alltag.

Was ist SFBT?

Die Geschichte der SFBT beginnt mit einer simplen, aber folgenreichen Beobachtung. Steve de Shazer und sein Team machten in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren etwas damals Ungewöhnliches. Sie beobachteten ihre eigene Arbeit systematisch. Sie filmten Sitzungen, analysierten sie hinterher und fragten: Was führt eigentlich zu Veränderung? Was passiert in den Momenten, in denen Klienten nach Hause gehen und sagen, dass etwas geholfen hat? Ihr Fazit war überraschend. Nicht die gründliche Analyse des Problems, nicht das Durcharbeiten von Traumata, nicht das Verstehen von Ursachen – sondern das Gespräch über Ausnahmen, Ressourcen und gewünschte Zustände erzeugte Veränderung.

Davon ausgehend stellt die SFBT einen der radikalsten Paradigmenwechsel in der Geschichte der Psychotherapie dar. Traditionelle therapeutische Ansätze gehen davon aus, dass ein tiefes Verständnis der Problemursachen notwendig ist, um Veränderung zu bewirken. Deshalb werden Klienten beispielsweise in der Psychoanalyse dabei begleitet, unbewusste Konflikte oder frühe Beziehungserfahrungen zu analysieren, um die Wurzeln des Problems zu verstehen. SFBT dreht diese Annahme um: Sie postuliert, dass Lösungen unabhängig von Problemen konstruiert werden können und dass ein detailliertes Verständnis des Problems für die Entwicklung von Lösungen nicht erforderlich ist. De Shazer formulierte diesen Gedanken später provokant: „The problem is not the problem.“ Diese Aussage klingt kontraintuitiv, weil wir in vielen Lebensbereichen das Gegenteil gelernt haben. In der Medizin sucht man nach der Ursache, bevor man behandelt. In der Ingenieurswissenschaft analysiert man den Fehler, bevor man ihn behebt. SFBT bricht bewusst mit dieser Logik.

Was als pragmatischer Versuch begann, Therapie effizienter zu gestalten, entwickelte sich zu einem kohärenten theoretischen und praktischen Ansatz, der heute weltweit praktiziert und erforscht wird. In den 1980er Jahren entwickelten Steve de Shazer, Insoo Kim Berg und ihr Team am Brief Family Therapy Center in Milwaukee, Wisconsin, die Solution Focused Brief Therapy. Die Bezeichnung „Brief“ (kurz) im Namen ist dabei nicht nur eine Beschreibung der Therapiedauer, sondern reflektiert eine grundlegende philosophische Haltung: Therapie sollte so kurz wie möglich und so lang wie nötig sein, und Menschen verfügen bereits über die Ressourcen, die sie für Veränderung benötigen.

Die Grundannahmen der SFBT

Die Lösungsfokussierte Kurzzeittherapie wird von weiteren Grundannahmen geprägt:

  1. Klienten sind kompetent und ressourcenreich: Jeder Mensch hat bereits Momente erlebt, in denen er mit schwierigen Situationen umgegangen ist. Diese Momente sind keine Zufälle. Sie sind Hinweise auf vorhandene Fähigkeiten, die zur Lösung beitragen können. Die Aufgabe der Therapie ist es, sie sichtbar zu machen, zu verstärken und zu verallgemeinern.
  2. Veränderung ist unvermeidlich und ständig: Nichts bleibt vollkommen gleich. In jedem Leben gibt es Momente, in denen das Problem nicht auftritt oder weniger ausgeprägt ist – sogenannte Ausnahmen. Diese kleinen Unterschiede im Alltag können Ansatzpunkte für Entwicklung sein. Denn wenn Veränderung ohnehin stattfindet, kann die Therapie helfen, sie in eine konstruktive Richtung zu lenken.
  3. Kleine Veränderungen genügen, um größere in Gang zu setzen: Schon ein kleiner nächster Schritt kann eine Dynamik auslösen, die weitere positive Veränderungen nach sich zieht. Diese Philosophie der minimalen Intervention steht im Einklang mit systemtheoretischen Konzepten, die davon ausgehen, dass komplexe Systeme, wie beispielsweise Menschen, oft auf kleine Impulse mit überproportional großen Veränderungen reagieren.
  4. Klienten sind Experten für ihr eigenes Leben: Der Therapeut ist Experte für den Prozess, nicht für den Inhalt. Der Therapeut weiß nicht, was für den Klienten gut ist. Es wird kein externer Maßstab angelegt und kein normatives Ideal von einem guten oder gesunden Leben angestrebt. Der Klient bestimmt, was sein Ziel ist und was als Lösung gilt.

Die drei Leitsätze der SFBT

Steve de Shazer hat die Grundhaltung der SFBT auf drei Leitsätze verdichtet, die so prägnant sind, dass sie sich kaum besser formulieren lassen:

  1. „If it ain’t broke, don’t fix it“: Der erste Leitsatz der SFBT lautet: „Wenn etwas nicht kaputt ist, repariere es nicht.“ Klingt erst einmal banal, ist es aber nicht. Nicht alles, was ungewöhnlich, unperfekt oder anders ist, muss automatisch verändert werden. Doch in Therapie und Coaching besteht schnell die Neigung, auch funktionierende Bereiche des Lebens zu hinterfragen. SFBT lässt in Ruhe, was gut läuft.
  2. „Once you know what works, do more of it“: Das zweite Prinzip lautet: „Wenn du weißt, was funktioniert, mache mehr davon.“ Dieses Prinzip lenkt die Aufmerksamkeit auf Ausnahmen vom Problem. Denn in diesen Momenten steckt bereits der Keim der Lösung. Die zentrale Frage ist: „Was ist in diesen Momenten anders? Was machst du anders?“. Indem Klienten ihre eigenen erfolgreichen Strategien erkennen und bewusst wiederholen, bauen sie Selbstwirksamkeit auf und erleben sich als aktive Gestalter ihrer Situation, nicht als passive Opfer.
  3. „If it doesn’t work, don’t do it again. Do something different“: Das dritte Prinzip lautet: „Wenn etwas nicht funktioniert, mache es nicht noch einmal. Mache etwas anderes.“. In der Realität neigen Menschen oft dazu, erfolglose Strategien zu wiederholen, manchmal mit noch größerer Intensität. Die SFBT ermutigt dazu, diese Muster zu durchbrechen und neue Wege auszuprobieren.

Zusammen bilden diese drei Leitsätze das Rückgrat der SFBT-Haltung: ressourcenorientiert, pragmatisch, und konsequent am tatsächlichen Erleben des Klienten ausgerichtet.

Die sechs zentralen Techniken der SFBT

Am Beispiel von Anna

Was bedeuten die Leitsätze und Grundannahmen der SFBT nun für die Praxis? Die sechs zentralen Techniken der SFBT: Wunderfrage, Skalierungsfragen, Ausnahmefragen, Coping-Fragen, Komplimente & Feedback und Hausaufgaben & Experimente, übersetzen die Haltung in Sprache. Am Beispiel von Anna zeigen wir dir, wie die sechs Techniken in der Praxis klingen und was sie bewirken.

Anna, 35 Jahre alt, kommt in die Beratung. Sie ist erschöpft, fühlt sich von ihrer Arbeit als Projektleiterin überfordert und sagt beim ersten Gespräch: „Ich funktioniere noch, aber ich weiß nicht mehr, wie lange.“ Sie schläft schlecht, zieht sich sozial zurück und hat das Gefühl, dass sich nichts verändert, egal was sie tut.

Bevor das erste Gespräch überhaupt beginnt, setzt SFBT an einem Punkt an, den andere Therapieformen oft übersehen: Veränderung beginnt nicht in der Sitzung. Sie beginnt in dem Moment, in dem jemand beschließt, Hilfe zu suchen. De Shazer und sein Team beobachteten, dass viele Klienten bereits zwischen der Terminvereinbarung und dem ersten Gespräch spürbare Veränderungen erlebten – weil die Entscheidung zur Therapie selbst schon etwas in Bewegung setzt. Diese Veränderungen werden in der SFBT aktiv abgefragt.

Die typische Eröffnungsfrage lautet: „Manche Menschen bemerken zwischen dem Moment, in dem sie einen Termin vereinbaren, und dem ersten Gespräch, dass sich schon etwas verändert hat. Hast du das auch erlebt?“

Im Gespräch mit Anna:

Therapeutin: „Bevor wir anfangen, zwischen dem Moment, als du den Termin gemacht hast, und heute: Hast du irgendetwas bemerkt, das sich ein bisschen anders anfühlt?“

Anna überlegt kurz: „Komisch, dass du das fragst. Ich habe letzte Woche zweimal früher den Laptop zugeklappt. Ich weiß nicht warum.“

Therapeutin: „Wie hat sich das angefühlt?“

Anna: „Leichter. Kurz.“

Diese scheinbar kleine Beobachtung ist bedeutsam. Anna hat bereits gehandelt, bevor die Therapie offiziell begonnen hat. Die Therapeutin behandelt das nicht als Zufall, sondern als Ressource: Anna ist nicht passiv. Sie bewegt sich bereits in die richtige Richtung, auch wenn sie es selbst noch nicht so benennt.

Wenn der Kontext eröffnet ist, richtet SFBT den Fokus auf das Ziel, nicht auf das Problem. Die Frage ist nicht: „Was bringt dich her?“, sondern: „Was soll am Ende anders sein?“. Das ist ungewohnt, weil die meisten Menschen erwarten, zuerst ausführlich über das Problem zu sprechen. SFBT würdigt das Problem kurz, aber verweilt nicht darin.

Im Gespräch mit Anna:

Therapeutin: „Du hast beschrieben, wie es dir gerade geht. Was soll nach unseren Gesprächen anders sein, auch wenn es nur ein kleiner Unterschied wäre?“

Anna: „Ich will wieder das Gefühl haben, dass ich nicht nur funktioniere. Sondern dass ich auch lebe.“

Therapeutin: „Woran würdest du das merken, ganz konkret, im Alltag?“

Anna: „Ich würde abends nicht mehr automatisch den Laptop aufmachen. Ich würde Dinge tun, nur weil ich sie will, nicht weil sie auf der Liste stehen.“

Aus einem abstrakten Wunsch werden konkrete, beobachtbare Ziele: kein automatisches Aufklappen des Laptops, Handlungen aus eigenem Antrieb. Das ist die Sprache, mit der SFBT arbeitet. Auf diese Basis kann nun weiter aufgebaut werden.

1. Die Wunderfrage (Miracle Question)

Die Wunderfrage ist vielleicht die bekannteste Technik der SFBT und wurde inzwischen auch in einer Vielzahl von wissenschaftlichen Studien untersucht. Sie lautet typischerweise: „Angenommen, heute Nacht, während du schläfst, geschieht ein Wunder, und dein Problem ist gelöst. Du weißt nichts von diesem Wunder, weil du schläfst. Woran würdest du am nächsten Morgen als Erstes merken, dass dieses Wunder geschehen ist? Was wäre anders?“

Die Wunderfrage erfüllt mehrere Funktionen: Sie hilft Klienten, eine detaillierte Vision ihrer gewünschten Zukunft zu entwickeln, ohne sich in der Problemanalyse zu verlieren. Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf konkrete, beobachtbare Verhaltensweisen und Veränderungen. Sie ermöglicht es Klienten, über die Grenzen dessen hinauszudenken, was sie für möglich halten. Sie deckt Ökologieeinwände auf und liefert bereits Lösungen. Und sie schafft einen positiven emotionalen Zustand, der die Problemlösefähigkeit und Kreativität erhöht.

Nach der Wunderfrage folgen typischerweise detaillierte Nachfragen: „Was würdest du als Erstes tun?“, „Woran würden andere Menschen merken, dass das Wunder geschehen ist?“, „Wie würdest du dich fühlen?“ „Wie würden andere darüber denken?“, „Hätten sie Einwände?“. Diese Fragen helfen, die Vision konkret und lebendig zu machen und Einwände vorwegzunehmen.

Im Gespräch mit Anna:

Therapeutin: „Ich möchte dir eine etwas ungewöhnliche Frage stellen. Stell dir vor, heute Nacht, während du schläfst, geschieht ein Wunder. Die Erschöpfung, das Gefühl des reinen Funktionierens ist verschwunden und du hast wieder das Gefühl, wirklich zu leben. Du weißt es noch nicht, weil du geschlafen hast. Woran würdest du morgen früh als Erstes merken, dass etwas anders ist?“

Anna überlegt kurz: „Ich würde aufwachen und nicht sofort an die To-do-Liste denken.“

Therapeutin: „Was würdest du stattdessen denken?“

Anna: „Vielleicht einfach gar nichts. Erst mal nur da sein.“

Therapeutin: „Und wie würde der restliche Tag aussehen?“

Anna: „Ich würde meinen Kaffee trinken, ohne gleichzeitig E-Mails zu checken. Ich würde meiner Kollegin mal wieder einfach so schreiben – nicht wegen eines Projekts.“

Was die Wunderfrage hier leistet: Sie ergänzt und vertieft das Ziel, das Anna vorhin formuliert hat. Aus „Dinge tun, weil ich sie will“ werden jetzt konkrete, beobachtbare Bilder: Kaffee ohne E-Mails, ein spontanes Gespräch mit einer Kollegin. Diese Bilder sind die Maßstäbe, an denen Fortschritt später gemessen werden kann.

2. Skalierungsfragen (Scaling Questions)

Skalierungsfragen sind ein weiteres zentrales Werkzeug der SFBT. Sie laden Klienten ein, ihre Situation auf einer Skala von 1 bis 10 einzuschätzen, wobei 10 das höchste Ausmaß repräsentiert. Zum Beispiel: „Auf einer Skala von 1 bis 10, wo 10 bedeutet, dass dein Problem vollständig gelöst ist und 1 dein Problem könnte nicht schlimmer sein, wo stehst du gerade?“. Doch Skalenfragen sind noch deutlich vielseitiger. Sie können auf alles angewendet werden: Zuversicht, Fortschritt, Motivation, Emotionen, Belastung, Beziehungsqualität und noch vieles mehr.

Dabei liegt der eigentliche Wert von Skalenfragen meist gar nicht in der Zahl, sondern in den psychologischen Prozessen, die ausgelöst werden und in den Anschlussfragen, die einem eine Skalenabfrage ermöglicht. Skalenfragen machen abstrakte Konzepte konkret und messbar. Dafür müssen Klienten ihre Gefühle und Gedanken einordnen und reflektieren. Skalierungsfragen ermöglichen es, Fortschritt zu visualisieren und zu würdigen, auch wenn das Endziel noch nicht erreicht ist. Sie helfen, nächste Schritte zu identifizieren: „Was müsste passieren, damit du von einer 4 auf eine 5 kommst?“.

Im Gespräch mit Anna:

Therapeutin: „Wenn 1 bedeutet, du bist am absoluten Tiefpunkt und 10 bedeutet, das Wunder ist eingetreten, du trinkst deinen Kaffee ohne E-Mails und schreibst deiner Kollegin einfach so – wo stehst du heute?“

Anna: „Bei einer 3.“

Therapeutin: „Was macht diese 3 aus? Was ist schon vorhanden, dass es keine 1 ist?“

Anna: „Ich schlafe zumindest ein paar Stunden. Und ich bin heute hier, das zeigt, dass ich noch etwas verändern will.“

Therapeutin: „Was bräuchte es für einen kleinen Schritt von 3 auf 4?“

Anna: „Vielleicht einmal pro Woche einen Abend, der nur mir gehört. Ohne Laptop.“

Die Skalierungsfrage fragt nie: „Was fehlt bis zur 10?“ Sie fragt: „Was ist schon da?“ Und der nächste Schritt ist immer klein, von 3 auf 4 und nicht von 3 auf 8.

3. Ausnahmefragen (Exception Questions)

Ausnahmefragen richten die Aufmerksamkeit auf Zeiten, in denen das Problem nicht auftritt oder weniger ausgeprägt ist. Typische Ausnahmefragen sind: „Wann ist das Problem weniger schlimm?“, „Gab es Zeiten, in denen du erwartet hättest, dass das Problem auftritt, es aber nicht tat?“, „Was ist in diesen Momenten anders?“

Die Identifikation von Ausnahmen ist zentral für die SFBT, weil sie zeigt, dass das Problem nicht konstant ist und dass der Klient bereits über Fähigkeiten verfügt, die zur Lösung beitragen können. Die detaillierte Exploration von Ausnahmen hilft, diese erfolgreichen Strategien bewusst zu machen, zu verstärken und so die Selbstwirksamkeit des Klienten zu fördern.

Im Gespräch mit Anna:

Therapeutin: „Du hast das Bild beschrieben, wie du morgens deinen Kaffee ohne E-Mails trinkst. Gab es in letzter Zeit Momente, die sich ein bisschen so angefühlt haben, wenn auch nur kurz?“

Anna: „Ja, eigentlich schon. Letzten Sonntag war ich mit einer Freundin spazieren. Ich hatte kein Handy dabei. Für ein, zwei Stunden war ich einfach da und habe mich gut gefühlt.“

Therapeutin: „Was war da anders?“

Anna: „Ich musste nicht funktionieren. Wir haben einfach geredet, über alles und nichts.“

Therapeutin: „Was hat das möglich gemacht?“

Anna: „Vielleicht, dass ich das Handy zu Hause gelassen hatte und mich dann einfach auf den Moment eingelassen habe.“

Therapeutin: „Wie könntest du dazu beitragen, dass so ein Moment wieder entsteht?“

Anna hat bereits etwas getan, was hilft. Sie hat es nur nicht als Ressource wahrgenommen, sondern als Zufall. Die Therapeutin macht den Zufall zur bewussten Entscheidung und damit wiederholbar.

4. Coping-Fragen

Coping-Fragen kommen in einem SFBT-Gespräch zum Einsatz, wenn jemand kaum Ressourcen sehen kann oder das Gefühl hat, am Limit zu sein und gar nichts mehr zu schaffen. Im Gesprächsverlauf können sie auch genutzt werden, wenn keine offensichtlichen Ausnahmen vom Problem existieren. Sie richten sich weniger auf das Problem, sondern auf das, was den Menschen trotzdem noch trägt.

Typische Coping-Fragen sind:

  • Angesichts all dessen, was du gerade beschreibst – wie schaffst du es, trotzdem weiterzumachen?
  • Was hindert die Dinge daran, noch schlimmer zu werden?
  • Woher nimmst du die Kraft?
  • Was hat eine totale Katastrophe verhindert?
  • Was hat dich davor bewahrt, ganz aufzugeben?

Diese Fragen erkennen die Schwere der Situation an, lenken aber gleichzeitig die Aufmerksamkeit auf die Resilienz und die Bewältigungsstrategien des Klienten. Sie vermitteln die Botschaft: Du bist nicht hilflos, auch wenn die Situation sehr schwierig ist.

Im Gespräch mit Anna:

Bei Anna zeigt sich das in einem Moment gegen Ende des Gesprächs, als sie kurz innehält und sagt: „Ich weiß nicht, wie ich das jeden Tag hinbekommen soll.“

Therapeutin: „Du trägst gerade sehr viel – die Arbeit, die Erschöpfung, und trotzdem bist du hier und machst weiter. Wie schaffst du das?“

Anna: „Ich glaube, ich tue es für mein Team. Die brauchen mich. Und irgendwie weiß ich, dass es anders geht.“

Therapeutin: „Das heißt, du weißt, dass Veränderung möglich ist, auch wenn es sich gerade nicht so anfühlt und du ziehst Kraft daraus, für andere da zu sein?“

Anna: „Ja. Irgendwie schon.“

Anna hat sich selbst zu Beginn als jemanden beschrieben, der erschöpft ist und nicht mehr weiß, wie lange er durchhält. Die Coping-Frage dreht die Perspektive: Sie fragt nicht nach dem Versagen, sondern nach der Stärke, die trotzdem vorhanden ist. Anna entdeckt, dass sie bereits starke Ressourcen hat – ihr Verantwortungsgefühl gegenüber dem Team und ihre Zuversicht.

5. Time-out, Komplimente und Feedback

Gegen Ende einer SFBT-Sitzung gibt es oft eine kurze Unterbrechung. Der Therapeut nimmt sich ein paar Minuten, um das Gespräch zu reflektieren und ein gezieltes Feedback vorzubereiten. Auch wenn das in der Praxis heute meist nicht mehr so gehandhabt wird, bleibt die Struktur: Pause, Reflexion, Rückmeldung.

Komplimente und Feedback sind keine Nettigkeit, sondern eine strategische Intervention. Therapeuten geben explizites, spezifisches Feedback über die Stärken, Ressourcen und Erfolge, die sie beim Klienten beobachten. Dabei werden die Komplimente immer so konkret wie möglich und basierend auf tatsächlichen Beobachtungen formuliert. Dies dient dazu, diese positiven Aspekte zu verstärken und die Selbstwirksamkeit zu erhöhen.

Im Gespräch mit Anna:

Therapeutin: „Ich möchte dir zurückspiegeln, was ich heute gehört habe. Du bist erschöpft – und du bist trotzdem hier. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Was mich beeindruckt: Du weißt bereits, was dir hilft. Der Sonntag ohne Handy war kein Zufall – du hast das schon getan, bevor du wusstest, dass es hilft. Du trägst das alles nicht, weil du keine Wahl hast, sondern weil du für dein Team da sein willst. Das ist eine Stärke, auch wenn sie sich gerade, wie eine Last anfühlt. Und du hast heute sehr klar beschrieben, woran du merken würdest, dass sich etwas verändert. Das ist mehr, als viele Menschen nach dem ersten Gespräch sagen können.“

6. Hausaufgaben und Experimente

Die SFBT gibt als letzten Schritt typischerweise Hausaufgaben oder lädt zu Experimenten ein. Diese bilden die Brücke zwischen therapeutischen Sitzungen und dem Alltag der Klienten. Sie sind immer klein, konkret und basieren auf dem, was in der Sitzung erarbeitet wurde. Aufgaben werden nicht vom Therapeuten verordnet, sondern gemeinsam entwickelt oder direkt vom Klienten vorgeschlagen. Typische Hausaufgaben könnten sein: „Beobachten Sie in der nächsten Woche, wann das Problem nicht auftritt oder weniger schlimm ist“, „Tun Sie mehr von dem, was funktioniert“, „Probieren Sie etwas Neues aus und beobachten Sie, was passiert“.

De Shazer unterschied drei Typen von Hausaufgaben:

  • Beobachtungsaufgaben: der Klient beobachtet, ohne zu verändern. Ideal für den Anfang oder wenn noch wenig klar ist, z. B. „Beobachte in der nächsten Woche, wann das Problem nicht auftritt oder weniger schlimm ist“
  • „Do more of it“-Aufgaben: wenn eine Ausnahme gefunden wurde, lautet die Aufgabe schlicht: Tu es öfter, z. B. „Lasse dein Handy öfters zuhause“
  • Verhaltensexperimente: ein kleiner, neuer Schritt, der aus dem Gespräch entstanden ist, z. B. „Plane dir einmal die Woche einen Spaziergang mit einem geliebten Menschen ein“

Das illustrative Fallbeispiel mit Anna zeigt die Bewegungsrichtung von SFBT. Von der Vergangenheit (Was hat sich schon verändert?) geht es über die Gegenwart (Wo stehst du?) in die Exploration der Zukunft (Was willst du stattdessen?) und dann zurück in den Alltag (Was nimmst du mit?). In keinem Prozessabschnitt wird das Problem analysiert (Wann ist die Erschöpfung am größten?) oder Ursachenforschung betrieben (Warum bist du erschöpft?). Denn SFBT vertraut darauf, dass der Weg zur Lösung nicht durch das Problem führen muss.

Noch mehr Methoden für Lösungsorientierung gibt’s in unserer NLP-Practitioner-Ausbildung. Dort erfährst du, was mit Skalenfragen noch alles möglich ist, welche Rahmen du setzen kannst und wie du Zielerreichungs unterstützen kannst.

Wirksamkeit von SFBT

Dass dieser Ansatz funktioniert, stützt auch die Wissenschaft. Die wissenschaftliche Forschung zur SFBT hat in den letzten zwei Jahrzehnten erheblich zugenommen. Während frühe Kritiker bemängelten, dass der Ansatz primär auf anekdotischer Evidenz basiere, liegt heute eine beachtliche Anzahl kontrollierter Studien vor. Die wegweisende Übersichtsarbeit von Gingerich und Eisengart (2000)1 analysierte 15 SFBT-Studien und kam zu dem Schluss, dass diese die Wirksamkeit der SFBT bestätigen. Dabei erstreckte sich das Feld der Probleme, mit denen die Klienten in die unterschiedlichen Studien kamen, von Depressionen über Kriminalität oder Alkoholmissbrauch bis zu akademischen, persönlichen oder sozialen Problemen. SFBT erwies sich also bei diversen Problemstellungen, die nicht nur im therapeutischen Bereich, sondern auch in Coachingsettings angesiedelt sind, als hilfreich. Seitdem ist die Evidenzbasis weiter gewachsen und die Effektivität von Lösungsfokussierter Kurzzeittherapie wurde über verschiedene Problemstellungen und Populationen hinweg bestätigt. Studien zeigen außerdem, dass SFBT weniger Sitzungen erfordert als alternative Therapien2.

SFBT in dein Leben bringen

Lösungsfokussierte Kurzzeittherapie repräsentiert mehr als nur eine therapeutische Methode. Sie verkörpert auch eine Philosophie der Veränderung, die auf Hoffnung, Ressourcen und Möglichkeiten fokussiert statt auf Probleme, Defizite und Pathologie. Diese Grundhaltung lässt sich direkt in den Alltag übertragen. Wer sich angewöhnt, statt „Was läuft schief?“ zu fragen „Wie genau soll es laufen?“ und „Wann läuft es gut – und was mache ich da anders?“, verschiebt seinen Fokus auf vorhandene Ressourcen statt auf Defizite.

Wenn du dich anders fühlen möchtest, dann frage dich nicht „Wie kann ich entspannter sein?“, sondern „Wann war ich zuletzt entspannt, auch nur kurz? Was war da anders?“. Dieser Perspektivwechsel führt oft zu überraschend konkreten Antworten und zu Handlungsimpulsen, die man selbst bereits kennt, nur nicht bewusst genutzt hat.

Hast du schon einmal in einem Gespräch eine Skalenfrage verwendet? Wenn du das nächste Mal mit jemandem über ein Problem redest, das sich festgefahren anfühlt, frag: „Auf einer Skala von 1 bis 10 – wo stehen wir gerade? Und was bräuchte es für einen kleinen Schritt nach oben?“. Das macht ein diffuses Gefühl greifbar und öffnet Handlungsoptionen.

Wenn eine Freundin dir von einem Problem erzählt, das sie belastet, frag sie doch beim nächsten Mal: „Woran würdest du merken, dass es besser ist?“. Und vertraue darauf, dass dein Gegenüber die Antwort und die notwendigen Ressourcen bereits in sich trägt.

Die Wunderfrage funktioniert auch als stilles Abendritual: „Woran würde ich morgen merken, dass es ein guter Tag war?“ Sie macht konkret, was sonst vage bleibt und gibt dem nächsten Tag eine Richtung, bevor er beginnt.

Und natürlich können die Haltung, die Herangehensweise und die Methoden der SFBT auch deine Arbeit in der Begleitung von Menschen bereichern. Wenn du mehr darüber erfahren willst: Wie du andere lösungsorientiert begleiten kannst und eine ressourcenorientierte Coaching-Haltung entwickelst, ist zentrales Thema unserer Coaching-Ausbildung.

In einer Welt, die oft von Problemfokussierung, Defizitorientierung und Pessimismus geprägt ist, bietet SFBT eine erfrischende Alternative. Sie erinnert uns daran, dass Menschen trotz aller Schwierigkeiten über bemerkenswerte Ressourcen, Stärken und Fähigkeiten verfügen. Sie zeigt, dass Veränderung möglich ist, oft schneller und einfacher als wir denken.

 

Quellen:

  1. Gingerich, W. J., & Eisengart, S. (2000). Solution‐focused brief therapy: A review of the outcome research. Family process, 39(4), 477-498.
  2. Gingerich, W. J., & Peterson, L. T. (2013). Effectiveness of solution-focused brief therapy: A systematic qualitative review of controlled outcome studies. Research on Social Work Practice, 23(3), 266-283.

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