12.07.2023

8 Dinge, an denen wir zu lange festhalten

Teil 1: Was möchtest du loslassen?

Ich arbeite nun schon seit einigen Jahrzehnten mit Menschen und bemerke immer wieder, dass es ähnliche Dinge sind, an denen wir viel zu lange festhalten und deren Lösung wir viel zu lange aufschieben. Festzuhalten erscheint so plausibel und wir sehen gar nicht, dass wir selbst unsere Freiheit und unser Glücklichsein blockieren, weil wir zu sehr und zu lange an Altem festhalten. Vielleicht ist es Zeit, etwas loszulassen.

„Deine Geschichte mag vielleicht keinen so einen glücklichen Anfang gehabt haben,
aber das macht dich nicht zu dem, der du bist.
Es ist der Rest deiner Geschichte und wer du wählst zu sein …
Also Panda, wer bist du?“

Wahrsager in Kung Fu Panda II

Loslassen bedeutet nicht aufgeben. Loslassen bedeutet, deine Freiheit (wieder)zugewinnen. Es bedeutet sich von zwanghaften Bindungen an bestimmte Vorstellungen, Menschen, Ergebnisse, Situationen oder alten Zielen zu lösen. Es ist gut, sich Ziele zu setzen, zu träumen, zielgerichtet zu handeln und gute Beziehungen aufzubauen, aber es ist wichtig loszulassen, wenn dein Weg eine andere Richtung nimmt. Die Energie von jemandem, der danach strebt, etwas Wundervolles zu schaffen, gepaart mit dieser Art von Hingabe an das Leben, ist viel kraftvoller und lohnender, als die Energie von jemandem, der mit einer verzweifelten Muss-ich-haben-Mentalität entschlossen ist, ganz bestimmte Ergebnisse zu erzielen. Wenn wir loslassen, wie es sein sollte, machen wir unseren Geist frei, um mit den unerwarteten Veränderungen und Herausforderungen des Lebens so gut wie möglich umzugehen – und das Leben hat immer solche Herausforderungen für uns. Wenn wir nicht genau das bekommen, was wir wollen, können wir weiter daran festhalten … zwanghaft, wütend, traurig … Aber wohin führt uns das? In den romantischen Filmen oder Erfolgsgeschichten macht es uns zu Helden, aber im realen Leben? Da ist es oft einfach nur anstrengend. Wie gesagt, es geht nicht um Aufgeben – es geht um Leben, Glück und Freiheit. Es geht um Wachstum und darum, wieder auf den eigenen Weg zurückzukehren, handlungsfähig und mit weitem Blick.

Eigentlich ganz einfach, aber dennoch nicht unbedingt leicht. Dabei haben wir einen zuverlässigen Hinweisgeber in uns: Wenn wir zu sehr festhalten, dann spüren wir das zum Beispiel in unserem Bauch – wir fühlen uns ängstlich, frustriert, verzweifelt oder wütend. Wir wollen, dass die Dinge anders sind, als sie sind – ein Gefühl der Ablehnung, des Versagens oder der Hoffnungslosigkeit … Und dann halten wir fest, an alten Zielen, an altem Schmerz, an alten Mustern. Dabei könnten die meisten unserer Schmerzen durch eine gesunde Praxis des Loslassens gelindert werden. Denn, und das ist das Gute, es handelt sich in der Regel um Erwartungen, Denkweisen oder Erinnerungen. Also um persistierende mentale Konstrukte – und mentale Konstrukte können wir verändern. Das ist nicht immer leicht, insbesondere bei sehr tiefen Verletzungen kann es sein, dass professionelle Unterstützung nötig ist. Aber es lohnt sich.

In diesem Artikel zum Thema „Loslassen“ beginnen wir, uns einige Dinge anzusehen, die zum Festhalten einladen, selbst wenn ihre Zeit längst abgelaufen ist. Denn am Anfang einer bewussten Veränderung steht Erkenntnis.

Das, was wir nie hatten

Vergangenheit kann sehr klebrig sein! Das Leben, das wir nicht hatten, Eltern, Beziehungen, Freunde, …, die wir nie hatten, oder zumindest nicht so, wie wir es uns gewünscht hätten. Geld, Ausbildungen und Gesundheit … die Liste ist lang.

Aber: Du bist nicht abhängig von dem, was war. Du lernst und entwickelst dich weiter, und das Leben entwickelt sich weiter. Du hast die Wahl, gib der Vergangenheit die Schuld, oder lass los, übernimm Verantwortung für deine Zukunft und gehe deinen Weg. Dein Leben ist endlich und zu kurz, um darauf zu warten, dass die Vergangenheit sich ändert, denn das wird sie nicht. Was du ändern kannst, ist deine Sicht auf die Vergangenheit und welche Bedeutung und Relevanz du ihr für dein Leben einräumst! Du kannst heute einen neuen Weg beginnen, das erfordert Mut und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Und der erste Schritt ist zu akzeptieren, dass die Dinge so waren, wie sie waren, und dass diese Akzeptanz zu einem Ende führt, das in Wirklichkeit ein neuer Anfang ist. Wo hängst du also noch in der Vergangenheit fest?

Schmerzhafte Erfahrungen aus der Vergangenheit

Hier geht es nicht um Dinge, die wir nicht gehabt haben, sondern um das, was wir erlebt haben. Schmerzhafte Erfahrungen, Scheitern, betrogen oder abgewiesen werden …, all die Verletzungen der Vergangenheit. Es gibt schlimme Erfahrungen, die wir uns nicht ausgesucht haben, die uns beeinflusst haben und die wir noch immer mit uns herumtragen. Und doch ist all das vorbei und es lebt nur noch in unserem Inneren weiter – als Erinnerung mit Bedeutung. Welche Bedeutung gibst du dem, was war? Die Bedeutung, die wir geben, ist es, die bestimmt, ob wir Schmerz und Groll empfinden, ob wir uns aufhalten lassen, oder ob wir loslassen und weitergehen. Statt zurückzublicken, ist es vielleicht Zeit, alte Sichtweisen und alten Ärger oder Kummer loszulassen und zu akzeptieren, dass du weit mehr bist als das, was dich verletzt hat. Welche alten Bedeutungen willst du loslassen und welche neuen Bedeutungen willst du dem geben, was war?

Das, was wir haben sollten, aber nicht haben

Was sollte anders sein, als es ist? Der Körper, der Job, die Beziehung, das Leben … Und doch ist es gerade so, wie es ist. Der erste Schritt ist zu akzeptieren, was ist. Das klingt vielleicht esoterisch, doch Akzeptanz schafft Ruhe, und von ihr ausgehend kannst du eine neue Zukunft entwerfen. Frustration, Trauer oder Ärger können uns lähmen. Als Erwachsene können wir einen großen Teil unseres Lebens beeinflussen und gestalten, vielleicht durch Annahme, vielleicht durch Veränderung. Aber nicht, indem wir uns ärgern, sondern indem wir Entscheidungen treffen. Womit haderst du? Was willst du nicht annehmen, das du aber nicht ändern kannst? Und wie willst du stattdessen auf deine Gegenwart und Zukunft schauen?

Falsche Entscheidungen

Entscheidungen aus der Vergangenheit und Konsequenzen für die Gegenwart können sehr belasten. Vielleicht haben wir einen Fehler gemacht und jemanden oder etwas verloren. Vielleicht haben wir Schuldgefühle. Oder wir haben uns nicht getraut, jemanden anzusprechen, etwas Wichtiges zu machen oder auch gerade nicht zu machen. Es gibt so vieles, das man sich vorwerfen kann. Dabei vergessen wir nur allzu oft, dass wir damals nicht wussten, was wir heute wissen. Dass wir damals, basierend auf unserem Wissen und der Situation, bestmöglich gehandelt haben. Es ist wichtig, dass wir uns für Entscheidungen, die wir in der Vergangenheit getroffen haben, vergeben, auch wenn sie andere und uns selbst verletzt haben. Das Wichtigste ist jetzt, dass du bereit bist, an ihnen oder mit ihnen zu wachsen.

Und es gibt noch eine andere Kategorie, die ich das „Romantisieren des anderen Weges“ nennen möchte. „Hätte ich damals anders entschieden, wäre alles gut geworden.“ Sicher? Es war, wie es war und jetzt ist es Zeit für eine neue Idee oder einen neuen Schritt. Die Welt ist größer als deine Vorstellung von ihr. Richte dich neu aus – es ist Zeit, das Alte liebevoll hinter sich zu lassen, zu wachsen und das Neue zu gestalten.

Das was oder wie wir sein sollten, aber nicht sind

Ein sehr belastender Gedanke ist, dass wir anders sein sollten, als wir sind. Meist kommt dieser Gedanke aus der Kindheit, vielleicht auch aus späteren Begegnungen, in denen uns Menschen zu verstehen gaben, dass wir falsch, zu viel oder zu wenig sind. Aber das sollte nicht unser Problem sein. Auf mittlere Sicht ist es besser, jemanden zu verlieren, bei dem du nicht sein kannst, wer du bist, als ihn zu behalten, um den Preis jemand zu sein, der du nicht bist. Vielleicht stellst du diese Anforderungen auch an dich selbst und willst immer an dir arbeiten, um besser, passender, attraktiver, jünger, erfolgreicher … zu sein. Dabei bist du gut so, wie du bist. Indem du du selbst bist, bringst du etwas Schönes in die Welt, das vorher nicht da war. Vielleicht ist es Zeit, das anzuerkennen und Selbstkritik, Selbstabwertung und Selbstzweifel loszulassen.

Regeln, Verbote und Pflichtgefühle

Es gibt so vieles, was man nicht sagen, wollen, machen oder sein darf und stattdessen sagen, wollen, machen oder sein soll! Das ist so anstrengend. Lass zu, dass andere dich so nehmen, wie du bist oder gar nicht. Sprich von deinen Bedürfnissen, Träumen und Wünschen. Ob es um eine andere Arbeit, die Art zu leben, mehr oder weniger Verantwortung, mehr Freiraum, neue Rollenbilder, das Thema Sexualität, neue Formen der Beziehungsgestaltung geht oder um was auch immer. Wenn du es nicht sagst, woher sollen andere es wissen? Und wenn du es dir nicht erlaubst, wie soll es Wirklichkeit werden?

Dies ist keine Anleitung zur Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen. Doch zu viel Rücksicht auf andere zu nehmen, ist rücksichtslos dir selbst gegenüber. Du bist nicht auf dieser Welt, um die Regeln oder Bedürfnisse anderer zu erfüllen. Vielleicht ist es Zeit, ein paar dieser Regeln neu zu verhandeln und neue Lösungen zu finden.

Gewohnheiten

Manche wiederkehrenden Verhaltens- und Denkmuster gehören auf den Prüfstand. Süchte (Drogen, Essen, Sex, Fernsehen oder Social Media), Herausforderungen oder Konflikten aus dem Weg zu gehen, alles alleine machen zu müssen oder stereotype Sätze wie: „Ich kann das nicht. Es ist zu schwer, ich schaffe das sowieso nicht. Andere sind schuld.“ Aber auch eigene Bedürfnisse zurückzustellen, den eigenen Körper oder Beziehungen zu vernachlässigen, sich für alles Mögliche zu entschuldigen und sich selbst oder andere abzuwerten. Meckern, Lästern oder Klagen oder unbedingt im Recht sein zu wollen, sind ebenso unnötige Gewohnheiten, die es in der Welt bereits genug gibt. Und was ist mit der Gewohnheit, immer mehr zu wollen, nie genug zu haben und wieder weiter zu müssen, wenn es Zeit wäre anzukommen. Daran zu arbeiten, und es ist Arbeit, ein paar von diesen oder anderen Gewohnheiten loszulassen, ist vielleicht an der Zeit.

Ausreden und Angst vor Konsequenzen

„Ich kann nicht, weil …“. Jede Lebenssituation kann eine Ausrede oder eine Chance für Wachstum sein – je nachdem, was man daraus macht. Allzu oft verbringen wir unsere Zeit damit, darauf zu warten, dass ein Weg auftaucht, oder jemand, der uns trägt – aber er kommt nicht. Wege entstehen durch Gehen – nicht durch Warten und Weggefährten treffen wir beim Gehen. Der richtige Moment kommt nicht, du wählst ihn. Und es gibt nichts, außer uns selbst, was uns daran hindert, einen Schritt nach dem anderen zu machen – vielleicht ist der Schritt klein, vielleicht winzig, aber es ist ein Schritt. Gehen stärkt, Warten schwächt. Du hast alles, was du brauchst! Keine Frage, loszulassen hat Konsequenzen – warten und festhalten, aber auch! Freiheit schafft Raum und Möglichkeiten, aber auch Unsicherheit. In einem Umfeld zu leben (einem Job, einer Beziehung, einer Gegend), in dem man nicht glücklich ist, hat neben allen Nachteilen doch den scheinbaren Vorteil der Vertrautheit. Das ist bequem. Oft wird es zunächst ein wenig hart und unbequem, wenn es Zeit für Veränderungen ist. Das gehört zum Wachstumsprozess dazu. Jede große Veränderung erfordert mutige Entscheidungen, Ausreden helfen dabei wenig.

Und jetzt!?

Über all das nachzudenken, ist der erste Schritt und es erfordert Reflektion und Selbstehrlichkeit. Im zweiten Schritt geht es dann darum loszulassen, was dich zurückhält, denn du hast es verdient, frei und glücklich zu sein. Das ist oft im ersten Moment anstrengend, doch dann wird es leichter. Letztlich geht es darum, immer mehr zu dem zu gelangen, was oder wer du wirklich bist. Es geht um dich, um deinen innersten Kern und um zu ihm zu gelangen, ist es wichtig, gehen zu lassen, was nicht zu dir gehört.

Und ganz wichtig: Dies ist kein Kurs in Selbstabwertung. Indem du herausfindest, was du nicht bist, listest du nicht das auf, was alles falsch an dir ist, sondern das, was nicht zu dir gehört. Indem du dich daran machst, das eine oder andere aufzulösen, wird es mittelfristig leichter und heller werden. Und noch etwas: Du bist ok, so wie du bist – und es gibt keinen Grund, etwas zu verändern, außer dem, dass du es möchtest!

Um strukturiert aufzuschreiben, was du loslassen möchtest, kannst du dir dieses Arbeitsblatt herunterladen: Loszulassendes (PDF)

Um Dinge zu verändern, gibt es viele Möglichkeiten. Manches muss man sich einfach vornehmen und es dann machen, für anderes kann es hilfreich sein, sich ein Coaching buchen oder man bittet Freunde um Unterstützung. Um Schwieriges besser ansprechen zu können, könnte ein GFK-Kurs helfen und um Ziele besser zu erreichen oder innere Begrenzungen aufzulösen, vielleicht ein NLP-Kurs. Auch Miracle Work oder The Work können dich dabei unterstützen, dysfunktionale Gedanken und Gefühle aufzulösen. Auf jeden Fall wünsche ich dir viel Erfolg!

In Teil 2 unseres Beitrags zeigen wir dir weitere Möglichkeiten, mit denen du Themen und Konstrukte loslassen kannst, die dich hindern, frei und selbstbestimmt zu leben.

2 Kommentare

  1. Wow – wer auch immer das geschrieben hat: touche!!! Ich befasse mich selbst seit Jahrzehnten mit Persönlichkeitsentwicklung, aber hier hat mich etwas gefunden, was ich nicht erwartet hätte …

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    • Vielen Dank für dein überaus positives Feedback. Wir freuen uns sehr, dass dir unser Beitrag gefallen hat und du daraus Neues für dich mitnehmen konntest!

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